Motor

Welcher Classic Car Markt eigentlich?

Warum 2026 zeigt, dass es den einen Classic-Car-Markt nicht mehr gibt

Wer die Entwicklung des Marktes für klassische Fahrzeuge verfolgt, könnte derzeit zu völlig unterschiedlichen Einschätzungen gelangen. Die einen sprechen von sinkenden Preisen und einem Markt, der seinen Höhepunkt überschritten habe. Andere verweisen auf Rekordergebnisse, steigende Preise und eine weiterhin enorme Nachfrage.

Beide können recht haben.

Denn 2026 zeigt deutlicher denn je: Es gibt nicht den einen Markt für klassische Fahrzeuge. Was wir beobachten, ist vielmehr eine zunehmende Aufteilung in unterschiedliche Segmente und Mikromärkte.

Die Zahlen erzählen zwei Geschichten

Auf den ersten Blick scheint die Entwicklung eindeutig. Bei den grossen internationalen Auktionen wurden auch 2026 beeindruckende Ergebnisse erzielt. Allein während der Monterey Car Week wechselten Fahrzeuge im Wert von mehr als 750 Millionen US-Dollar den Besitzer.

Gleichzeitig liegen verschiedene Marktindizes weiterhin deutlich unter den Höchstständen der Jahre 2021 und 2022. Besonders in der breiten Marktmitte stehen Fahrzeuge länger zum Verkauf, Preisvorstellungen werden korrigiert und Käufer verhandeln wieder stärker.

Das ist kein Widerspruch. Es zeigt vielmehr, dass sich die Entwicklung innerhalb des Marktes zunehmend unterscheidet. Während aussergewöhnliche Fahrzeuge teilweise neue Höchstpreise erzielen, können gute, aber weniger seltene Exemplare desselben Marktsegments gleichzeitig unter Preisdruck geraten.

Alter allein erklärt den Markt nicht mehr

Interessant ist auch, dass diese Entwicklung nicht einfach entlang der Altersgrenzen verläuft.

Einerseits erzielen bedeutende Fahrzeuge der Vorkriegszeit weiterhin hervorragende Ergebnisse. Andererseits gehören Supersportwagen der 1980er-, 1990er- und frühen 2000er-Jahre zu den dynamischsten Bereichen des heutigen Sammlermarktes. Fahrzeuge wie Ferrari F40 und F50, Porsche Carrera GT oder McLaren F1 werden heute längst als bedeutende Sammlerobjekte wahrgenommen. Sie stammen aus einer Epoche, die viele ihrer heutigen Käufer selbst erlebt haben.

Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Diese Fahrzeuge repräsentieren teilweise das Ende einer technologischen Ära. Verbrennungsmotoren mit ausgeprägtem mechanischem Charakter, Handschaltung und weitgehend analoge Fahrerlebnisse lassen sich unter heutigen technischen und regulatorischen Bedingungen kaum wiederholen.

Sammler erkennen diese historische Bedeutung heute wesentlich früher als noch vor einigen Jahrzehnten.

Entscheidend wird das einzelne Fahrzeug

Noch wichtiger ist jedoch eine andere Entwicklung. Der Markt differenziert zunehmend auch innerhalb eines Fahrzeugtyps.

Zwei Fahrzeuge gleichen Typs und Jahrgangs können heute vollkommen unterschiedliche Werte besitzen. Zustand, Spezifikation, Originalität, Restaurierungsqualität, Provenienz, Dokumentation und Besitzgeschichte gewinnen an Bedeutung.

Ein Auktionsrekord für ein aussergewöhnliches Fahrzeug bedeutet deshalb nicht, dass plötzlich sämtliche Fahrzeuge desselben Modells entsprechend mehr wert sind. Der Rekord zeigt vielmehr, welchen Preis ein Käufer bereit ist zu bezahlen, wenn er ein Fahrzeug als aussergewöhnlich und kaum ersetzbar betrachtet.

Damit verändert sich auch die klassische Frage nach dem Marktwert.

Nicht nur:                            Was ist dieses Modell wert?
Sondern zunehmend:         Was ist genau dieses Fahrzeug wert und warum?

Identität, Substanz und Historie

Für die Beurteilung eines klassischen Fahrzeugs werden deshalb drei Faktoren immer wichtiger:

  • Identität: Ist das Fahrzeug tatsächlich das, was es vorgibt zu sein? Stimmen Fahrgestell, Spezifikation, Herkunft und gegebenenfalls Wettbewerbshistorie?
  • Substanz: Wie viel des ursprünglichen Fahrzeugs ist erhalten? Welche Eingriffe, Restaurierungen oder Veränderungen wurden vorgenommen und mit welcher Qualität?
  • Historie: Ist die Geschichte des Fahrzeugs nachvollziehbar? Existieren Rechnungen, Fotografien, Gutachten, frühere Fahrzeugpapiere oder Informationen zu Vorbesitzern?

Je höher der Wert eines Fahrzeugs, desto kritischer werden diese Fragen. Dokumentation schafft Vertrauen. Fehlende Informationen schaffen Unsicherheit. Und Unsicherheit wird in einem zunehmend selektiven Markt eingepreist.

Kein Einbruch, sondern Differenzierung

Wer heute lediglich einen bestimmten Preisindex, eine einzelne Epoche oder ein Marktsegment betrachtet, kann deshalb durchaus einen Rückgang feststellen. Daraus auf den gesamten Markt zu schliessen, greift jedoch zu kurz.

Der Markt scheint vielmehr in eine neue Reifephase einzutreten. Die Zeit, in der nahezu jedes interessante klassische Fahrzeug von einer allgemeinen Aufwärtsbewegung profitieren konnte, dürfte vorbei sein. Das ist nicht zwingend eine schlechte Entwicklung.

Ein reifer Markt unterscheidet stärker zwischen gewöhnlich und aussergewöhnlich, zwischen historisch stimmiger und fragwürdiger Restaurierung, zwischen behaupteter und dokumentierter Geschichte.

Für Eigentümer bedeutet dies, den Wert ihres Fahrzeugs nicht erst im Moment eines Verkaufs oder eines Schadenfalls zu hinterfragen. Regelmässige Bewertungen, eine vollständige Dokumentation und ein bewusster Umgang mit Originalität und historischer Substanz werden wichtiger.

Und damit verändert sich auch die Aufgabe einer spezialisierten Versicherung.

Es geht nicht allein darum, einen finanziellen Wert abzusichern, sondern zunächst zu verstehen, welches Fahrzeug tatsächlich versichert wird, wodurch dessen individueller Wert entsteht und wie sich dieser über die Zeit verändert.

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Erkenntnis aus 2026 erstaunlich einfach:

Der Classic-Car-Markt steigt nicht. Er fällt auch nicht. Er differenziert sich.

Und je stärker diese Differenzierung wird, desto wichtiger wird es, nicht nur den Preis eines klassischen Fahrzeugs zu kennen, sondern seine Identität, seine Substanz und seine Geschichte zu verstehen.

 

 

Roberto Bernasconi
Classic Car Advisor und Marktanalyst
im Auftrag von Chubb Schweiz

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